(Gastbeitrag) Als Frau mutterseelenallein mit einem Geländeauto durch Wüste und Savanne– „Hast du denn keine Angst?“, lautet die erste Frage. Und gleich drauf folgt: „Fühlst du dich da nicht einsam?“
Natürlich gibt es so manches, wovor ich Angst habe, aber das hält mich nicht von der Reise ab.
Einsam fühle ich mich allerdings nie. Ich reise gerne und oft allein, bin gerne für mich und gleichzeitig offen für meine Umgebung.
Im südlichen Afrika reise ich immer auf einer selbst organisierten Tour, meist als Selbstversorgerin und als Selbstfahrerin.
Zuerst ein paar Worte zu Namibia: Namibia ist groß. Sehr groß. Es ist etwa 9 ½-mal so groß wie Österreich. Auf der Karte mit dem gleichen Maßstab sieht man, wie verschwindend klein meine mitteleuropäische Heimat ist. Umgekehrt verhält es sich mit den Einwohnern. Während wir in Österreich etwas mehr als 9 Millionen haben, gibt es in Namibia zirka 3 Millionen. Rund 2/3 davon im Norden, rund 1/3 in Zentralnamibia und der kleine Rest bevölkert den Süden. Damit liegt Namibia auf Platz 5 der am dünnsten besiedelten Länder der Erde.
Ein Vergleich zeigt auch, welche Herausforderungen dieses viele „Nichts“ bedeutet. Die Entfernung Windhoek – Lüderitz ist ungefähr gleich der Entfernung Wien – Berlin. Nur viel heißer, viel staubiger, viel trockener und lediglich ein paar Tankstellen und Shops.
Namibia mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bereisen, ist kaum machbar. Die größeren Städte sind durch Bus und zum Teil Bahn miteinander verbunden, aber das war’s dann auch schon. Wenn man wie ich in die Namib möchte, danach an den Atlantischen Ozean und schließlich quer durch’s Land in die Kalahari, braucht seine eigenen vier Räder. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass ich auch immer wieder auf Reisende auf zwei Rädern treffe – Radfahrer –, doch dafür bin ich völlig ungeeignet.
Meine Leidenschaft ist das Wandern. In Namibia brauche ich natürlich ein Auto, um von A nach B zu kommen, aber an meinen Stationen, an denen ich meist 2, 3 oder 4 Tage bleibe, beginnt jeder Tag bei Sonnenaufgang mit einer ausgiebigen Wanderung. Und da ich allein reise, sind diese Wanderungen ein Eintauchen in die Natur, ein Erlebnis mit allen Sinnen. Ich höre das Kommen des Windes, lange bevor ich ihn spüre, und das Rauschen des Gefieders, wenn ein Geier erwacht und sich schüttelt, ich sehe, wenn Solifugen (Walzenspinnen) vor den ersten Sonnenstrahlen in ihre Wohnhöhlen fliehen und Gepardenspuren, bevor der Wind sie verbläst, ich rieche den süßen Duft der knallgelben Akazienblüten und das herbe Aroma des trockenen Grases.
Natürlich ist so eine Reise auch eine Herausforderung. Und es gehört vielleicht doch ein bisschen Mut dazu, mutterseelenallein mit einem riesigen Auto „in the middle of nowhere“ unterwegs zu sein. Aber Mut ist für mich keine große Sache, es ist eine Frage der Entscheidung. An erster Stelle steht meine Sehnsucht nach Wüste und Savanne, nach Trockenheit, Hitze und einer faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt. Wenn ich den glühenden Atem der Wüste auf meiner Haut spüre, fühle ich mich im Paradies.
Mit den folgenden Schwerpunkten nehme ich euch mit auf meine Reise von der Namib in die Kalahari.
1. Von Windhoek in die Namib
Ein Land, das von Wüste und Savanne geprägt ist, stellt man sich flach vor. Ist es aber nicht. Zentralnamibia liegt auf durchschnittlich 1.700 Metern über dem Meeresspiegel, auf der Fahrt in die Namib, die an den Atlantischen Ozean grenzt, muss man steile Pässe bergab fahren. Teerstraßen gibt es nur ein paar, die meisten Straßen sind mehr oder weniger gute gravel roads oder Sandstraßen.
Die Namib ist atemberaubend. Wie ein kleines Würmchen kommt man sich am Fuße der riesigen Dünen vor, die man nicht nur an den allseits bekannten Touristenorten erklettern kann. Auf Farmen und auf Lodges darf man meist nach Herzenslust wandern. Von Vorteil ist hier eine Wander-App, denn im leicht welligen Gelände verliert man rasch die Orientierung. Ein Baum, der gerade noch so markant schien, ist nach fünf Minuten nicht mehr zu sehen. Ausreichend Wasser im Rucksack ist selbstverständlich.
Ein Fixpunkt, wann immer ich im Westen Südnamibias unterwegs bin, ist „Solitaire“, eine winzige Siedlung (knapp 100 Einwohner) mitten im Nichts. Hier gibt es nach rund 270 Kilometern die erste Tankstelle und einen kleinen Shop.
Wer nicht allein sein möchte und Freude an einer geführten dreitägigen Wanderung durch die Namib, mit Übernachtung im Freien, unter dem grandiosen Sternenhimmel hat, der/dem sei der Tok Tokkie Trail empfohlen. Ein unvergessliches Erlebnis.
2. Durch die Wüste an den Atlantik
Wenn aus den gravel roads Sandpisten werden, man den Reifendruck senken und voll konzentriert fahren muss, dann ist man mitten in der Namib bzw. auf der D707. Sand, Sand und noch einmal Sand, 360 Grad brennende Einsamkeit, Tod und Teufel, grandiose Weite und betörende Farben. Das mulmige Gefühl im Bauch, wenn das Auto „zu schwimmen“ beginnt, vergeht bald und man genießt es, diese atemberaubende Szenerie ganz für sich zu haben.
Danach wieder auf einer Teerstraße Richtung Atlantik zu fahren, ist dagegen unendlich langweilig. Dafür reizt die Vorstellung, dass rundherum im Sand viele glitzernde Kostbarkeiten zu finden wären. Allerdings warnt eine Tafel davor, das verbotene Diamantsperrgebiet auf beiden Seiten der Straße zu betreten.
In Lüderitz angekommen, muss man erst einmal aufpassen, dass einem der Wind, der die meiste Zeit auf „Teufel komm raus“ weht, nicht verbläst. Aber der Anblick, wenn die Wüste im Meer versinkt, ist überwältigend.
3. Von Lüderitz in die Kalahari
Quer durch das Land geht es auf einer Teerstraße Richtung Osten in die Halbwüste der Kalahari. Mit kuriosen Stationen – Übernachtung in einem Iglu, Wanderung durch den Wald der Köcherbäume, wobei Köcherbäume gar keine Bäume sind, vorbei an Herden mit mageren Rindern und noch magereren Ziegen, bis ins Auob-Tal, das Namibia mit Südafrika verbindet.
Vorher muss man aber unbedingt im Moer Toe Coffeshop in der Nähe von Koes Station machen: Der beste Kaffee des südlichen Afrika im Schatten ausladender Bäume, Weihnachtskekse, Blick auf einen ausrangierten Pick up, der wie ein zahnloses Monster im Sand versinkt, umgeben vom Sirren der Zikaden und dem Ruf des afrikanischen Wiedehopf – ein Platz zum Träumen, bevor man sich wieder auf die Sandpiste begibt. Und dann beginnt eine Wellenfahrt quer durch die Dünen der Kalahari. 22 Kilometer ständig bergauf und bergab, eine Fahrt durch eine fantastische Landschaft.
4. Im Kgalagadi Transfrontier Park
Das Auob-Tal endet in Namibia an der Grenze zu Südafrika. Der dortige Grenzübergang ist gleichzeitig der Eintritt in einen Nationalpark, in dem man das Auto nur in Camps und an bestimmten Plätzen verlassen darf, weil Besucher dort Löwen, Geparden, Hyänen, Schlangen und Skorpione auf Schritt und Tritt begegnen. Und wenn man ganz viel Glück hat, auch einem Leoparden.
In den beliebten Wilderness Camps trennt nur ein kleiner Zaun jeden einzelnen Bungalow von der freien Natur, nachts spazieren Schakale und Hyänen heulend zwischen den Bungalows herum. Gänsehaut-Feeling pur.
Der Park ist fast 2 ½ Mal so groß wie die Steiermark, mit drei Shops und drei Tankstellen und man muss sich in den Unterkünften selbst verpflegen. Ganz klar, dass hier eine gute Planung wichtig ist.
Er wird durchzogen von zwei Trockenflüssen, die nur nach starken Regenfällen kurzzeitig Wasser führen, aber in regelmäßigen Abständen Wasserlöcher aufweisen. Die sichern der faszinierenden Tierwelt das Überleben in dieser trockenen, heißen, staubigen Region. Kalahari (Kgalagadi) bedeutet so viel wie „das große Durstland“.
5. Im Südosten zurück nach Windhoek
Zurück nach Windhoek geht es durch das Auob-Tal nach Norden. Diese Strecke bietet zwar interessante Einblicke in das Farmleben, wie Lupinenfelder, Kohlanbau oder auch kleine Farmfriedhöfe direkt am Straßenrand, ist ansonsten aber recht ereignislos. Bei meinen letzten Reisen wählte ich die D1033, auf der man den Olifants-River entlangfährt und nahe an den atemberaubenden Dünen der Kalahari ist. Stundenlang begegnet man keinem Fahrzeug, durchschneidet dann auf der C20 wieder im rechten Winkel die tiefroten, mit gelben Grasbüscheln und kleinen Büschen bedeckten Dünen und taucht auf der Teerstraße nach Windhoek wieder in den ganz normalen Verkehrswahnsinn ein.
Fotos der Reise



























Über Margit: Sie war als Journalistin, Biobäuerin, Kommunikationsberaterin und Projektmanagerin tätig. Seit einigen Jahren konzentriert sie sich völlig auf das Reisen und Schreiben. Sie reist meist allein, mit Vorliebe im südlichen Afrika, und am liebsten dort, wo die Straßen zu Sandpisten werden und der Handy-Empfang endet.
Ihr erstes Buch „Der glühende Atem der Wüste“ ist erschienen, am zweiten arbeitet sie. In Kürze startet sie ihre siebende – und sicher nicht letzte – Reise ins südliche Afrika.
Das Buch „Der glühende Atem der Wüste – meine Solo-Reise von der Namib in die Kalahari“ gibt es auf Books on Demand, im Buchhandel und auf Amazon. Das E-Book gibt es für Tolino bei Books on Demand und für Kindle auf Amazon.
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