(Gastbeitrag) Mit Island Bike and Hike entdeckt Lara Müller Island auf eine besonders intensive Art. Zwischen Radkilometern, Wanderwegen und rauer Natur entsteht ein Reisebericht voller Abenteuerlust.
Warum sollte man 5000 Kilometer mit dem Fahrrad fahren, um 500 Kilometer zu wandern? Das habe ich mir während meiner Reise auch manchmal gedacht. Wenn der Wind so stark um das Zelt pfeift, dass man es die ganze Nacht festhalten muss. Wenn der Sand so tief ist, dass man das vollbepackte Fahrrad bergauf schieben muss. Wenn die Jacke, Hose, Schuhe, T-Shirt, Langarmshirt, Socken, Sport-BH und Unterhose seit Tagen durchnässt sind und die nächsten Tage noch nass bleiben werden. Wie kann man in diesen Momenten trotzdem weitergehen?












Die Idee
Seit mehreren Jahren nehme ich, Lara Müller, mir mehrere Monate Zeit, um meinen Abenteuerdurst zu stillen und mein Fernweh zu mindern. Ich liebe es auch andere Menschen in meinen Vorträgen mit Abenteuerlust anzustecken. Meine Touren bringen mich immer wieder in abgelegene und teils menschenunfreundliche Ecken Europas. So auch im Sommer 2024, als ich beschloss die Insel aus Feuer und Eis zu Fuß zu erleben. Wie immer auf meinen Touren suche ich nach öffentlichen/alternativen Möglichkeiten anzureisen. So kam es, dass ich mich mit bepacktem Gravelbike vor meiner Haustür in Wien in Richtung Island auf den Weg machte. Anstatt dem Flugzeug entschied ich mich für Fahrrad und Fähre um an – und abzureisen.
In die Gänge kommen…
… war nicht schwer. Auf den ersten Kilometern hatte ich Begleitung von meinen Liebsten und ehe ich mich versah, war ich über die erste Staatsgrenze in die Tschechische Republik geradelt. Nur wenige Tage später hatte ich die europäische Wasserscheide überwunden und mein drittes Land – Deutschland – erreicht. Flott ging es mit Rückenwind den Elberadweg bis Hamburg entlang. Um die bereits gebuchte Fähre zu erreichen, musste ich pro Tag durchschnittlich 110 Kilometer hinter mich bringen, was mir gut gelang. Von Hamburg war es dann (fast) nur noch ein Katzensprung nach Hirtshals, eine kleine Stadt im Norden Dänemarks. Dort legt die Fähre nach Island ab.
Sechs Wochen Abenteuer auf der Insel
Nach 48 Stunden auf der Fähre war mein erster Eindruck Schneeregen du kaltem Wind in meinem Gesicht. „Das kann ja heiter werden“, dachte ich mir, während ich die letzten logistischen Entscheidungen für die nächsten 6 Wochen traf. Es stellte sich leider heraus, dass der Plan – die Insel zu Fuß von West nach Ost zu durchqueren – keinesfalls möglich war. So musste ich spontan umplanen und meine Enttäuschung über meine nicht erfüllten Erwartungen nicht zu groß werden lassen. Denn auch das gehört zu einem guten Abenteuer dazu: unerwartete Planänderungen, die einen aus der Bahn werfen können, wenn man nicht weiß, wie man damit umgehen soll. Durch diese Umstände wurden aus ursprünglich einer geplanten Weitwanderung, drei voneinander unabhängige Touren.
Erstmal ging es für mich in die Westfjorde. Eine Zeit geprägt von Polarfüchsen, steilen Klippen ungefährlichen Flussquerungen. Ich merke bald, dass ich mich schleunigst mit Nebel, Wind und Regen anfreunden muss, wenn ich Island als schöne Reise in Erinnerung behalten möchte. Ich lerne mich auf die kleinen Besonderheiten am Wegrand zu konzentrieren – vor allem die niedlichen Polarfüchse und besondere Vogelarten. Nach zwei Wochen abgeschnitten von jeglicher Zivilisation kam ich in Holmavik stolz und voller Vorfreude auf eine warme Dusche an.
Als nächstes hat mich die Halbinsel Snaefelsnes angezogen. Besonders der vergletscherte Vulkan Snaefellsjökull am westlichen Ende der Insel hat eine besondere Atmosphäre. Dort komme ich mit Einheimischen in Kontakt. Emil Emilson und seine Frau gabeln mich am Straßenrand auf und machen mit mir extra einen Umweg durch die Vulkanlandschaft um mir die Sagen zu erzählen, die diese außergewöhnliche Landschaft prägen. Auf Snaefelsnes erlebe ich außerdem den ersten Sonnentag seit Wochen. Die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren fühlt sich fast surreal an.
Zuletzt gehe ich auf Islands Weitwanderweg schlechthin: dem Laugavegur. Überirdische Vukanlandschaften, massive Gletscher und unfassbar starker Wind prägen meine letzten Wandertage. Ich erfahre Zusammenhalt, der mich und eine sechsköpfige Wandergruppe aus den USA durch Windböhen mit bis zu 150km/h stützt. Der Wind ist schnell vergessen – die Freundschaft bleibt.
Heimweg mit Umweg
Trotz der vielseitigen Eindrücke in Island hatte ich noch nicht genug. Ich entschied nicht denselben direkten Weg nach Hause zu fahren. Von Dänemark radelte ich durch Deutschland, die Niederlande und Belgien bis Paris. Über Straßburg und dem Bodensee strampelte ich am Ende meiner Tour die meisten Höhenmeter – eine Entscheidung, die ich nächstes Mal anders treffen würde. Wenn die Schekel schon am Limit sind, helfen liebe Worte von Freunden und Familie und nette Begegnungen am Wegrand. Ich beende meine Reise nach 5000 Kilometer auf dem Fahrrad und 500 Kilometer zu Fuß gesund und zufrieden am Stephansplatz in Wien.
Was ich mir mitnehme
Warum? Das ist wohl die Frage, die ich am öftesten gestellt bekomme. Für jemanden der das Fernweh – Gefühl nicht kennt, ist es schwierig zu erklären. Hier ein Versuch: Die Ferne bringt mein Inneres ins Gleichgewicht, schafft neue Perspektiven und bringt Leichtigkeit – trotz schwerem Rucksack. Ich finde Antworten auf Fragen, die ich nicht gestellt hatte und merke jedes Mal aufs neue, dass die Seele am liebsten mit 4km/h unterwegs ist.

Über Lara: Lara Müller liebt es, sich für mehrere Monate ins Abenteuer zu stürzen und ihre Reiselust mit anderen zu teilen. In ihren Vorträgen steckt sie Menschen mit ihrer Abenteuerlust an, unterwegs setzt sie oft auf öffentliche oder alternative Anreisen. Mehr über sie auf lara-mueller.at ↗ und auf Instagram unter @lara.und.frieda.on.tour ↗.