(Gastbeitrag) Wer an Schweden denkt, hat meist endlose Wälder, rote Holzhäuser und einsame Seen vor Augen. Doch es gibt einen Ort, an dem Schweden völlig anders ist. Selbst das Wetter ist besser: Gotland. Sobald die Fähre im Hafen von Visby anlegt, betrittst du eine ganz eigene Welt. Die grösste Insel Schwedens fasziniert mit einer rauen, fast magischen Kalksteinlandschaft und einer jahrtausendealten Geschichte. Ein Gotland-Urlaub ist eine Reise in ein Schweden, das du so nicht erwartest.
Diese fünf Gründe machen Gotland für mich zu einem der spannendsten Reiseziele Schwedens.
1. Die spektakulären Küstenlandschaften Gotlands



Die Küstenlandschaften Gotlands laden zum Wandern und Entdecken ein. So viele unterschiedliche Facetten, je nachdem, in welche Himmelsrichtung du aufbrichst.
Am faszinierendsten sind die Raukar (Singular Rauk). Das sind bis zu mehrere Meter hohe Kalksteinformationen. Diese Überreste eines 400 Millionen Jahre alten Korallenriffs sind durch Wind, Regen und Meer zu teilweise fantastischen Skulpturen erodiert. Du findest sie aber nicht nur am Strand, manchmal begegnen sie dir auch weiter im Landesinneren. Dann sind sie noch fantastischer, weil sie von Pflanzen umrankt sind.
Ganz im Norden thront beim hübschen Fischerörtchen Lickershamn die berühmte Jungfrun – Gotlands höchste einzelne Rauk-Säule über dem Meer. In Lickershamn treffen sich einige Küstenwanderwege, etwa nach Ireviken oder Björkume.
Tipp: Wenn du auch so von den Raukar fasziniert bist, solltest du im Norden von Gotland mit der kostenlosen Fähre auf die kleine Insel Fårö übersetzen. Am Ende der Insel stehen in Langhammars die berühmtesten Raukar Schwedens.
Richtig einzigartig ist im Süden von Gotland das Folhammar-Raukarfeld, nicht nur weil du wunderbar zwischen den Raukar spazieren kannst, sondern auch, weil du hier beim genauen Hinsehen noch die Überreste des einstigen Korallenriffs findest.
Noch weiter südlich wird die Landschaft auf der Insel Gotland flach und baumlos. Der Leuchtturm von Närsholmen steht auf einer Kalksteinsteppe, auf der im Juni zahlreiche Blumen blühen.
Gotlands Küste besteht jedoch nicht nur aus flachen Kalksteinküsten. Nur etwa sieben km von Visby entfernt, kannst du auf der bis zu 47 m hohen Steilküs te wandern.
2. Mystische Geschichte: Von der Steinzeit bis zur Hansezeit

Wer die Ostseeinsel Gotland bereist, begibt sich unweigerlich auf eine Zeitreise, die Jahrtausende zurückreicht. Schon in der Steinzeit und Bronzezeit war die Insel besiedelt. Spektakuläre Zeugnisse dieser frühen Megalithkultur sind Schiffssetzungen und Cairns (Hügelgräber), die überall auf der Insel verstreut liegen. Bei diesen Schiffssetzungen wurden Steine in Form eines Schiffsrumpfes in die Landschaft gesetzt. Sie dienten als Grabstätten und Symbole für die Reise ins Jenseits. Die hohen Cairns waren oft wichtige Landmarken für die Navigation, auch wenn sie heute weiter im Landesinneren liegen, weil die Insel Gotland sich seit der letzten Eiszeit langsam aus dem Meer hebt.
Der Reichtum und die strategische Lage mitten in der Ostsee machten Gotland Jahrhunderte später zu einem Dreh- und Angelpunkt des mittelalterlichen Handels. Im 12. und 13. Jahrhundert blühte die Insel schliesslich als mächtiges Zentrum der Hanse auf. Die mittelalterliche Hansestadt Visby mit ihrer mächtigen Stadtmauer und den zahlreichen Kirchenruinen legt davon bis heute beredt Zeugnis ab.
3. Gotland – mehr als Meer und Kalkstein


Wer an Schwedens Natur denkt, hat meist dichte Nadelwälder im Kopf. Doch Gotland überrascht auch hier. Der kalkreiche Boden der Insel sorgt für eine üppige und blütenreiche Vegetation. Die Wälder sind oft licht, an den Küsten wachsen windgeformte Kiefern und zwischen ihnen liegen blumenreiche Wiesen und zahlreiche Naturreservate.
Besonders im Frühsommer verwandelt sich die Insel in ein wahres Farbenmeer. Wer ein Auge für Orchideen hat, sieht die Knabenkräuter sogar violett am Strassenrand leuchten. Gotland ist bekannt für seine Vielfalt an wilden Orchideen. Je nach Art und Region unterscheiden sich die Blütezeiten deutlich. Während einige Arten im Juni bereits verblüht sind, stehen andere noch in voller Blüte. Im Süden der Insel beginnt die Blüte vieler Arten früher als im Norden.
Kleine Orchideen-Wanderungen kannst du im Naturreservat Kallgatburg oder am Bogeviken unternehmen. Viele Arten entdeckst du jedoch auch ohne gezielte Suche auf Wiesen oder am Strassenrand. Nur die Frauenschuh-Orchidee haben wir vergeblich gesucht.
4. Visby – mehr als Mittelalter

Eingeschlossen von einer fast vollständig erhaltenen Stadtmauer, aber nicht beklemmend, hat die UNESCO-Weltkulturerbestadt Visby viele Facetten. Die historische Ringmauer grenzt die Stadt zwar ein, lässt im Inneren jedoch viel freien Raum. Am erstaunlichsten fand ich, dass sogar Platz für einen botanischen Garten innerhalb der Mauern war.
In Visby gibt es enge, kopfsteingepflasterte Gassen mit kleinen Häuschen und einer unglaublichen Rosenpracht genauso wie breite Plätze mit Handelshäusern. Das kleinste Haus von Visby duckt sich im Schatten der Stadtmauer.
Mehr als ein Dutzend Kirchenruinen erinnern in der Altstadt an den Niedergang Visbys nach dem Überfall der Lübecker im Jahr 1525. Es ist faszinierend, dass die Stadtmauer diesen Angriff fast unbeschadet überstanden hat, während fast alle Kirchen zerstört und geplündert wurden. Nur das Gotteshaus der deutschen Kaufleute liessen die Angreifer aus Eigennutz stehen. Während St. Marien heute als mächtiger Dom intakt über der Stadt wacht, werden die alten Kirchenruinen als coole Eventlocations genutzt.
Ansonsten spürt man an allen Ecken die Tradition einer Handelsstadt. Die Spannbreite der Restaurants reicht vom 50er-Jahre-Diner bis zum englischen Pub. Die Stadt lädt zum Entdecken ein – von der lokalen Kaffeerösterei mit dem Duft frisch gemahlener Bohnen bis hin zu kleinen Boutiquen mit viel Sinn für Design und Handwerk.
5. Jeden Tag ein neues Abenteuer

Gotland ist das perfekte Reiseziel für entspanntes Reisen. Du wachst morgens auf, schaust aus dem Fenster und entscheidest nach Wetter und Lust. Darf es heute eine kleine Wanderung an der Küste sein? Brauche ich eine Abkühlung? Meer oder Blaue Lagune, die ist auf Gotland nämlich eiskalt im Gegensatz zu ihrer bekannten Namensvetterin auf Island. Oder ist der Tag perfekt für einen Stadtbummel? Vielleicht ist der Tag auch eher so, dass man besser unter die Erde geht und sich die Lummelundagrottan, die zweitgrösste Tropfsteinhöhle Schwedens, anschaut.
Für Süden oder Norden würfeln wir. Nur eine Eisenbahnfahrt in der Museumsbahn, Gotlands Hesselby Jernväg, müsste etwas geplant werden, weil sie nur an bestimmten Tagen fährt.
Für mich klingt das nach einem perfekten Reiseziel ausserhalb der Hauptsaison, auch wenn dann bestimmte Touristenattraktionen noch geschlossen sind.

Über Susan vom Reiseblog 4u-ontheroad.ch ↗: Fernweh begleitet sie schon ihr ganzes Leben. Mit Kamera und Neugier entdeckt sie die Welt und findet dabei oft das Faszinierende im Unscheinbaren. Besonders interessieren sie Natur, Geschichte, Fotografie und Gärten. Auf ihrem Blog teilt sie persönliche Reiseerlebnisse und Tipps für Individualreisende.