(Gastbeitrag) Sommer 2024. Ein Jahr ist vergangen, seit Doris von ihrer Wanderung am South West Coast Path zurückgekommen ist. Diesmal wagt sie sich an das nächste Level des Weitwanderns und macht sich mit Zelt, Schlafsack und Isomatte auf zum Kungsleden in Nordschweden. Vier Wochen möchte sie dort – wieder allein – zu Fuß in der Wildnis zurücklegen. Soweit zumindest der Plan. Kommen sollte es dann ein bisschen anders.
Über den Kungsleden

Hoch im Norden von Schweden, nahe an der Grenze zu Norwegen, verläuft der sogenannte „Königspfad“ zwischen Abisko und Hemavan – je nach Quellenangabe ist er zwischen 440 und 470 Kilometer lang. Einige kürzere Abschnitte über Seen und Flüsse müssen mit dem Boot überquert werden. Gewandert werden kann der Weg in beide Richtungen, die nördlichere Hälfte verläuft großteils durch offenes Fjäll – eine Art Heidelandschaft – oberhalb der Baumgrenze, die südliche häufiger durch Birkenwald. Ein- und Ausstiegspunkte gibt es an einigen Fjällstationen unterwegs, wer ein bisschen Extrazeit hat, kann von hier aus auch einen Abstecher zum Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens einplanen. Nach Hemavan reist man mit Bus und Zug von Stockholm aus an, nach Abisko führt der Nachtzug aus der Hauptstadt direkt – zumindest in der Theorie.
Ein holpriger Start mit überraschenden Folgen
Es ist das Knistern des Lautsprechers über meiner Liege, das mich frühmorgens aus dem Schlaf reißt. Denn der Nachtzug, der mich eigentlich direkt bis Abisko an den Start des Kungsleden bringen sollte, kann aufgrund einer Gleisverwerfung nicht weitergeführt werden. Wenig später stehe ich also gemeinsam mit hunderten anderen mehr oder weniger verschlafenen Reisenden auf dem Bahnsteig einer nordschwedischen Kleinstadt. Genau dort komme ich auch ins Gespräch mit Alex aus Kanada und Valentin aus Frankreich, die wie ich planen, den gesamten Kungsleden in Angriff zu nehmen. Als wir gegen Mittag desselben Tages in Abisko aus dem völlig überfüllten Ersatzzug steigen, mit dem wir schließlich doch noch an unser Ziel gebracht worden sind, beschließen wir, die erste Etappe gemeinsam zurückzulegen. Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Wir würden auch die restlichen Tage zusammenbleiben und aus einer flüchtigen Zugbekanntschaft wird eine wunderbare Trail-Freundschaft.
Infrastruktur am Kungsleden
Dass ich für diese Wanderung ein Zelt und einen Gaskocher sowie sämtliches weiteres Trekking-Zubehör im Rucksack mitschleppe, ist kein Zufall. Immerhin befindet sich der Großteil des Trails fernab der Zivilisation. Ausstiegspunkte bieten sich nur alle paar Tage an den ans Straßennetz angeschlossenen Fjällstationen, und auch wenn sich entlang der Strecke vom schwedischen Tourismusverband STF betriebene Hütten befinden, so sind diese gerade in der Hochsaison oft ausgebucht und ein Schlafplatz dort auch nicht gerade günstig. An diesen STF-Hütten sind zwar Hüttenwarte tätig, die den ankommenden Wanderern mit Rat und Tat zur Seite stehen, aber man sollte sich keinesfalls den Luxus von Berghütten in Österreich erwarten. Im besten Fall findet man dort einen kleinen Shop mit den notwendigsten Dingen, einen Gasherd bzw. einen kleinen Bollerofen und eine Sauna, in der man sich zumindest notdürftig reinigen kann – ein Restaurant, Steckdosen oder einen Wasserhahn sucht man vergeblich. Besonders auf den südlicheren Abschnitten des Trails ist ein Zelt für diese Wanderung unverzichtbar, da es hier über weite Strecken nur vereinzelte Schutzhütten gibt, die zwar immer offen stehen, aber nur im Notfall für eine Übernachtung genutzt werden dürfen.
In vier Wochen von Abisko nach Hemavan








Für meine neu gewonnenen Trail-Freunde und mich startet die Wanderung also in Abisko, 195 km nördlich vom Polarkreis. Kurz nachdem wir am 22. Juli durch einen hölzernen Tunnel – sozusagen das Tor zum Kungsleden – aus Abisko rausspazieren, erlischt mein Handysignal. Das sollte auch für eine ganze Woche so bleiben. Kein Empfang, keine Straße, kein Strom, kein fließendes Wasser – mal abgesehen von dem, das man direkt aus dem Fluss schöpft. Zugegeben, diese Abgeschiedenheit und Unerreichbarkeit hat mich im Vorfeld durchaus nervös gemacht. Aber jetzt, wo ich hier bin, genieße ich sie jeden Tag ein bisschen mehr. Ich lerne wieder, im Moment zu sein, mich nicht ständig von stundenlangem Handyscrollen ablenken zu lassen und die einfachsten Dinge des Lebens zu genießen – wie etwa eine unterwegs gekochte heiße Schokolade an einem verregneten Wandertag oder die Packung Kekse aus dem Hüttenshop, die wir uns zu dritt teilen. Oder auch abends einfach nur einvernehmlich schweigend vor dem Zelt zu sitzen, die weitläufige Landschaft aufzusaugen und die Rentierherden zu beobachten, die langsam rund um uns auftauchen und sich von unserer Anwesenheit nur wenig stören lassen.
Wegbeschaffenheit am Kungsleden
Ich möchte nicht unbedingt behaupten, dass der Kungsleden ein technisch schwieriger Wanderweg ist. Aber auch kein einfacher. Wie jeder Trail bietet auch er seine eigenen Herausforderungen. Unebene Wege über Stock und Stein, Unmengen an Schlamm, wackelige Holz- und Hängebrücken, die Tatsache, dass das Wetter auch im Hochsommer jederzeit umschlagen und ungemütlich werden kann. Und das oft stundenlange Dahinstapfen durch Birkenwälder kann durchaus mental fordernd sein. Die Belohnung? Eine beeindruckende Landschaft wie aus einem Fantasy-Film, offenes Fjäll, Seen und Flüsse wie aus dem Bilderbuch und vor allem eine herrliche Ruhe – auch im Kopf.
Gemeinsam statt einsam


Ich gestehe: Vor meiner Wanderung am Kungsleden war ich überzeugte Solo-Hikerin. Und dass ich diesen Trail zur Gänze gemeinsam mit zwei bisher völlig Fremden beschreiten würde, war keineswegs geplant oder vorhersehbar. Aber je länger ich mit Alex und Valentin unterwegs bin, desto mehr lerne ich deren Gesellschaft zu schätzen und zu genießen. Wenn wir im strömenden Regen den Berg hinaufklettern. Wenn wir mit sündhaft teurem Dosenbier und einer Packung Chips in einer Fjällstation einen weiteren geschafften Abschnitt feiern. Wenn wir bis zu den Knöcheln im Schlamm versinken und unsere nassen Socken einfach weglachen. Wenn wir uns gegenseitig über die schwierigen Stellen helfen. Oder wenn wir abends um ein zögerlich in Gang gebrachtes Lagerfeuer sitzen und den Tag Revue passieren lassen. Und erst recht an den wenigen Stellen, an denen der Trail es vorsieht, einen Fluss oder See eigenständig mit einem Ruderboot zu überqueren.
28 Tage draußen – mein Fazit



28 Tage war ich insgesamt am Kungsleden unterwegs, vier Nächte davon habe ich in einem Bett geschlafen. Die restlichen habe ich draußen verbracht, nur durch eine dünne Zeltplane von der Außenwelt getrennt. Ich habe Wasser direkt aus dem Fluss getrunken, ich habe mich selbst und meine Wäsche notdürftig im eiskalten See gewaschen, ich habe gefroren und geschwitzt, gelacht und gelitten, mein Herz verloren und meine Prioritäten völlig neu geordnet. Ich habe mich meinen Ängsten gestellt, mehrmals die Zähne zusammengebissen und bin weitergegangen, auch wenn es mal schwierig wurde. Und neben all den körperlichen Herausforderungen und den wunderbaren Erlebnissen unterwegs war auch diese Wanderung vor allem wieder eine mentale Reise zu mir selbst. Wer keine Angst davor hat, die Nächte bei jedem erdenklichen Wetter im Zelt zu verbringen, mal ein paar Tage nicht erreichbar zu sein und sich hauptsächlich von Fertignudeln und Proteinriegeln zu ernähren, dem ist eine Wanderung auf dem Kungsleden definitiv zu empfehlen. Und allen, die Angst davor haben, erst recht!
Wenn du mehr über ihre Wanderung am Kungsleden (und die nächsten geplanten Reisen) erfahren möchtest, findest du sie auf Instagram unter @immer_links_vom_meer ↗.
Über ihre Erlebnisse hat sie außerdem in ihrem Buch Von Mücken, Moor und Moltebeeren ausführlicher geschrieben. Erhältlich ist es im Buchhandel oder direkt bei der Autorin unter immerlinksvommeer.at ↗.

Über Doris: Doris lebt als selbstständige Texterin und Übersetzerin in Graz und hat das Weitwandern 2020 für sich entdeckt, als die geplante Spanienreise pandemiebedingt ins Wasser fallen musste und sie sich stattdessen mit ihrer Schwester vier Tage lang auf einen Pilgerweg begab. Das Wandern ist ihr geblieben. In Spanien war sie immer noch nicht.
